Warum ich (vorerst) keine Community-Produktmanagerin mehr sein möchte

Produktentwicklung. Als ich das erste Mal davon hörte, erschien mir das wie eine fremde Welt. Ich war gelernte Geistes- (und ein bisschen Wirtschafts-)Wissenschaftlerin, was sollte ich damit? Es hört sich technisch kompliziert und prozessintensiv an. In meinem ersten Monaten als Community Managerin entwickelte ich regelrecht Berührungsängste zu dem Thema. Immer wieder wurde uns gesagt, dass wir zu viele Probleme weitergeben und/oder sie selbst vor der Weitergabe nicht gründlich genug durchdenken. Wie hätten wir das auch tun sollen ohne Programmierkenntnisse? Erst nach den ersten schweren Fällen und ein paar Mal Trial-and-Error erschlossen sich mir die wichtigsten Prinzipien der Produktentwicklung aus Sicht des Community Managers.

Im Grunde genommen geht das so: Community Manager A sieht, das sich Mitglieder mit etwas schwertun oder sie berichten ihm von Problemen. Er siebt aus, welches Feedback ernst zu nehmen ist, welches eine Fundierung haben könnte und welches völlig unbedeutend ist. Im Idealfall kann er kleinere Probleme mit der Funktionalität aus Erfahrung mit dem System oder der Denkweise von Mitgliedern selbst lösen. Produktmanagerin B nimmt das Feedback entgegen, evaluiert es und speist bei es bei größeren Problemen in den IT-Entwicklungsprozess ein (PMs gibt es nicht in jeder Firma, oft übernimmt das am Anfang die IT). ITlerin C kümmert sich anhand der im Team und mit dem Produktmanagement festgelegten Prinzipien und Ordnungen (meist Scrum) um den Bug, die Aufgabe, oder Story.

Unabhängig davon kümmern sich die Beauftragten im Rahmen einer größeren Agenda um die Weiterentwicklung der Plattform und der Funktionen. Gute Unternehmen involvieren hier alle Seiten. CMs wissen am meisten über die Mitglieder, PMs am meisten über ihr Verhalten als Gruppe(n) (hallo Google Analytics und Piwik!) und ITler wissen, was möglich ist und wie es umgesetzt werden kann.

Mit der Zeit lernte ich IT-Methoden und -Vorgänge kennen und das Ganze war nicht mehr so einschüchternd wie am Anfang. Ich hatte mich eingegroovt und den Anspruch, qualitativ hochwertig vorzugehen. Trotzdem fühlte ich mich immer auf irgendeine Weise herabgesetzt. Nie waren die CMs gründlich oder intelligent genug. Oft war die Community-Agenda einfach nicht eingeplant (wieso eigentlich???). Und oft wurden elaborierte Methoden entwickelt, um die CMs von Feedback-Berichten abzuhalten. Dass das nicht produktiv ist und sicherlich die Plattform damit nicht im Nutzersinne weiterentwickelt wird, muss hier nicht extra erwähnt werden.

Was meiner Ansicht nach die Situation entzerrt hätte, wäre eine IT-CM-Workshop gewesen. CMs berichten von den am meisten auftauchenden Problemen, und ITler zeigen ihnen, wie sie womöglich selbst lösen können. Sie schulen CMs darin, zu erkennen, was gravierend ist und was zunächst weitergedreht werden muss. Simpel, oder? Nicht wirklich. Das Zerrfeld IT-CM war nicht selten eine Einbahnstraße.

Im Zuge dessen fing ich an, mit extensive Testpraktiken anzugewöhnen. Funktioniert es in einem anderen Browser? Ist es nur auf dem Handy? Was hat der Nutzer getan, um dorthin zu kommen? Haben sich mehrere beschwert oder ist es ein Einzelfall? Und so ging das weiter… Ich befragte Nutzer in 4, 6, 9 E-Mail-Runden. Ich quetschte ITler in der Mittagspause aus. Ich gab oft guten Rat zur Lösung weiter – und lief prompt zum ITler, immer mit dem Spruch: „Ich hatte heute ein Problem von einem Nutzer. Und anstatt es an euch weiterzureichen habe ich es selbst hinbekommen. Damit habe ich euch Arbeit erspart.“ Nach dem Motto: Tu Gutes und sprich darüber.

Im Laufe der Zeit merkte ich, wie ich selbst zur Produktmanagerin mutierte. Es machte großen Spaß! Ja, es ist konfliktbeladen und es ist stressig, aber ich mochte es. Als ich auf Stellensuche war, begegnete mir sogar einmal eine Anzeige für einen „Community-Produktentwickler“. Das hatte mich schon gejuckt. Auf der anderen Seite wusste ich, dass mir ein paar entscheidende Kenntnisse fehlten UND ich wollte auf keinen Fall schon auf den kommunikativen Teil meiner Arbeit verlieren. ich liebe Nutzerkommunikation und möchte das noch so einige Jahre machen. Wenn ich mal 40 bin, denke ich darüber vielleicht auch anders. Fürs erste bleibe ich aber bei Schusters Leisten.

Die Kenntnisse, die ich nicht hatte, sind fast alle analytischer Natur. Berechnungen in Excel, Datenfindung in Google Analytics, statistische Auswertung von Fragebögen – alles, was mir bisher Urangst beschert hatte. Das hatte sicherlich nicht den Grund, weil ich diese Tätigkeiten an sich verabscheue. Es geht einfach darum, dass ich weiß, über welche Talente ich verfüge beziehungsweise nicht, in was ich mich gerne und mit Ausdauer einarbeite und wo ich Kurse brauchte.

Anfang 2016 enthüllte sich, dass meine Rolle bei Finanztip stark in Richtung Produktmanagement tendieren sollte. Das kann ich sehr gut verstehen: Fachkräfte, die beides können – Community Management und Zahlen -, sind schwer zu finden. Grundsätzlich hatte ich dagegen nichts einzuwenden. Ich liebe Produktentwicklung, und die Alternative wäre gewesen, mein Baby, meine Community komplett aufzugeben. Nun war ich als Teil des sogenannten „Produkt & Nutzer“-Teams.

Schnell jedoch merkte ich, dass ich mit der Arbeitsmethodik überhaupt nicht zurechtkam. Nachdem wir am Anfang Aufgaben noch per Mail berichtet hatten (täglich!), gingen wir zu Scrum über. Ich dachte: „Fein, Scrum, das sollte in Ordnung sein“. Bei Scrum geht es in aufeinanderfolgenden Iterationen darum, schnell marktfähige Produkte zu entwickeln. Problem 1 für mich: Wir entwickelten keine Produkte, sondern deren Entwürfe, beziehungsweise Einsichten. Problem 2 für mich: Wir arbeiteten nicht mit mehreren Leuten an einem Projekt, sondern jeder arbeitete für sich. Problem 3 für mich: Ich arbeite schneller, wenn ich keine Deadline habe. Das mag paradox klingen, es war aber schon immer so. Ich habe in meiner ganzen Unikarriere nur einmal auf Deadline geschrieben – und das war, weil es sich um eine Gruppenarbeit handelte. Mit Papers war ich immer lange vor Abgabedatum fertig. Ich kann viel wegschaffen, und das fällt mir leichter, wenn ich es hintereinander wegpacke, ohne künstliche Grenzen. Selbst wenn ich Deadlines habe, ist die Deadline in meinem Kopf immer ein paar Tage oder Wochen vorher. Zwar war die Kommunikation im Team besser, aber ich war einfach langsam. Und das gefiel mir nicht. Ich will Dinge verändern! Sie anpacken! Man mag es den Sturm und Drang der Jugend nennen, aber langsames Arbeiten widerstrebt auch der Scrum-Philosophie.

In meiner kurzen Karriere als Produktmanagerin wurde ich an Community-fachfremdes Projekt gesetzt. Es ging darum, Nutzerzahlen über Google Analytics zu ermitteln. Zahlen, mit denen Unternehmensentscheidungen gefällt werden würden! Und ich fühlte mich überhaupt nicht selbstbewusst damit. Ich, die ich sonst stolzgeschwellt über meine Community-Erfolge erzähle! Wie ich Nutzer „rumdrehen“ und überzeugen kann! Ich, die ich Komplimente für meine innovatives Vorgehen bekommen habe! Das war ein tiefer Fall. Weder hatte ich einen Kurs gemacht noch war ich unter dem Eindruck, dass ich mir diese Kenntnisse selbst aneignen könnte. Mit Ach und Krach absolvierte ich den Basiskurs von Google Analytics per Video. Damit war es für mich letztendlich halbwegs stemmbar – und ich produzierte auch gute Resultate. Spätestens beim Bericht jedoch merkte ich wieder, dass ich einfach kein mathematisches Talent habe. „Das ist doch gar nicht so schwer!“ hörte ich immer wieder. Für jemanden, dessen Werkzeug die Sprache ist und die sich in der Schule durch Mathe durchgewuselt hat (wenn auch erfolgreich), war das nicht die Ergebnisqualität, die ich von mir erwarte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ging mir auf, dass mir aktuell im Produktmanagement dieses Hineinknien, dieser Drive für die Zahlen fehlt. Google Analytics und mich verbindet mittlerweile ein tiefer Respekt und die Neugier, mehr ausprobieren zu wollen. Das heißt jedoch nicht, dass ich überbordende Analytics-Auswertungen in Excel erstellen oder statistische Berechnungen nach Video-Befragungen anstellen möchte. Mag ich Produktentwicklung weiterhin? Sicherlich, ich liebe die Spannung, das Ausprobieren, das Umsetzen von Feedback. Würde ich mich wieder in eine ähnliche Rolle begeben? In der nächsten Zeit sicherlich nicht, aber ich werde nicht aufhören, proaktiv auf die Entwicklung einzuwirken.

Es sollte nicht vergessen werden, dass es am Ende des Tages auch noch das Marketing-orientierte Produktmanagement gibt. Und das lebe und atme ich mir Leidenschaft. Meine Community vermarkten? Ja!!!! Wo ist die nächste Gelegenheit?

Vorerst bleibe ich kommunikative Community Managerin mit Leib und Seele (siehe unten in der Ausbildungssession mit meiner Volontärin – das Glück ist mir ins gesicht geschrieben). Auf lange Sicht, und mit der richtigen Aufgabenkombination, kann ich mir technisches Produktmanagement aber auf jeden Fall wieder vorstellen.

Instagram-Account von der Volontärin gekapert 🙂 Franziska in der Ausbildungssession

A photo posted by Franziska (@francied_f) on

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