Frauenbild im Islam & Community Management

Seit den Vorfällen von sexualisierter Gewalt am Hauptbahnhof in Köln ist die Stimmung gegen Migranten aufgeheizt. In Foren, sozialen Netzwerken, Talkshows oder im Freundeskreis: Nicht selten wird das Bild des gewalttätigen, sexuell aggressiven und unkontrollierten muslimischen Mannes gezeichnet. West versus Ost, weiß gegen braun, christlich contra muslimisch. Kann es wirklich sein, dass dieses vorgefertigte Bild in den Köpfen der Republik eine solche Angst erzeugt? Dass Frauen besonders vor muslimischen Männern Angst haben? Auch weil ich es anders erfahren habe – bisher habe ich sehr positive Erfahrungen mit Muslimen gemacht – möchte ich hier meine Perspektive aufzeigen. Auch weil ich weiß, wie sehr Community Manager „im Feld“ immer wieder mit Angst- und Schreckensvisionen konfrontiert werden, möchte ich ihnen eine Handreichung machen. Wissen ist Macht. (Danke an Michael Ludwig Höfer für die Anregung).

Wie bei abrahamitischen Religionen im Spezifischen und monotheistischen Religionen aus dem Nahen Osten im Allgemeinen basieren die Regeln für und Vorstellungen von Frauen auf Jahrtausende alten Konzepten. Die sind im Westen zum Teil veraltet und überholt, auch und weil wir hier eine Frauenbewegung, die sexuelle Revolution und eine LGBT-Rechtebewegung hatten/haben. Im neuen Testament steht, dass Frauen in der Kirche schweigen, ihr Haupt bedecken und ihrem Ehemann gehorchen sollen. Nicht gewusst? Nun, keine abrahamitische Religion passt 100%ig in unser heutiges, liberales Weltbild.

Bevor ich loslege: Meine Ausführungen basieren selbstverständlich auf den offensichtlichen Quellen Koran und Hadith. Ein hilfreiche Übersicht bietet das englische Wikipedia.

Frauen im Islam – was wir erwartungsgemäß nicht gut finden

Ein Mann darf mit den Sklavinnen, die er besitzt, Sex haben. Richtig gehört! Sklaverei ist ein akzeptiertes Konzept im Islam. Soweit, so blöd. Aber: Der Islam unterstreicht Mitgefühl. Seine Sklaven freizulassen, ist eine gute Tat. Im 7. Jahrhundert wäre es wahrscheinlich zu revolutionär gewesen, das Konzept komplett zu streichen!? Sure 2:177, 4:3, 4:24, 4:36, 23:6, 70:30, 24:32

Wenn die Ehefrau nicht gehorcht, soll der Mann sie 1. ermahnen, 2. ihr Bett meiden und 3. sie schlagen. Nummer 3 ist heiß diskutiert unter den Gelehrten, denn es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass Mohammed das Schlagen von Frauen ablehnt. Das ist sehr unterschiedlich übersetzt. Sure 4:34, Sahih Al-Bukhari 715, Sahih Muslim 2127

Frauen erben nur die Hälfte dessen, was Männer erben. Zwei Frauen ersetzen einen männlichen Zeugen. Sure 2:180, 2:240, 4:7-11, 4:19, 4:33, 5:106-108

Die erste Ehe soll der Vormund (meist Vater) arrangieren. Schweigen bei der Eheschließung gilt als Zustimmung. Sahih Al-Bukhari 6455, Sunan Abu Dawud 2083, Jami’ At-Tirmidhi 1102,Sunan Ibn Majah Hadith 1879

Frauen können ab sexueller Reife verheiratet werden (= Einsetzen der Periode). Eheschließungen von Mädchen in der Pubertät sind unter Gelehrten debattiert. Sure 65:4, Sahih Al-Bukhari 4840

Ein Muslim kann eine Muslima, eine Jüdin, eine Christin oder eine Angehörige sonstiger abrahamitischer Religionen heiraten. Eine Muslima kann nur einen Muslim heiraten. Sure 2:221, 5:5, 60:10

Männer können sich mündlich von ihren Ehefrauen scheiden lassen (Talaq). Frauen müssen sich für eine Scheidung beim Richter bewerben (Khula).

Im Schiismus gibt es die temporäre Ehe, die auch mal nur zwei Stunden dauern kann („Nikah Mutah“). Sure 4:24

Die Frau schuldet dem Mann Geschlechtsverkehr. Sahih Al-Bukhari 3065, Sahih Muslim 1436

Die Domäne der Frau ist das Haus. Die Domäne des Mannes ist außerhalb des Hauses. Der Mann ist die familiäre Autorität im Haus. Sure 4:34, Sahih Al-Bukhari 128

Will eine Frau reisen, benötigt sie die Zustimmung ihres Vormunds. Bei sicheren Reisen debattieren Experten über diese Regelung. Sahih Al-Bukhari 1763

Religiöse Ämter können nur von Männern bekleidet werden.

Frauen im Islam – was wir wohl nicht erwarten würden

In der Geschichte des Islam gab es viele weibliche Gelehrte.

Erbrechte und finanzielle Eigenbestimmung waren in der islamischen Welt für Frauen lange wesentlich besser als im Westen (siehe oben). Das hat sich graduell ca. seit den 1950ern geändert.

Männer sollen vor Frauen den allerhöchsten Respekt haben. Merken Männer, dass sie sich sexuell von einer Frau angezogen fühlen, mit der sie nicht verheiratet sind, sollen sie den Blick senken. Sure 24:30-31, Jami Tirmid 3895, Sahih  Al-Bukhari 3153, Sahih Muslim 1468

Das Kopftuch ist nicht vorgeschrieben und nicht explizit erwähnt. In einigen Ausrichtungen wird das so gedeutet, dass jede Frau selbst entscheiden muss, ob sie ihre Haare bedecken wird. Sure 24:30-31, 33:58-59, Sahih Al-Bukhari 282, 4091.

Die Verhüllung wird als Schutz für die Frau angesehen. Sie ist so kostbar und wertvoll, dass ihr Körper besser verborgen ist. Das entbindet Männer nicht von der Kontrolle ihrer Begierden.

Es gibt die Möglichkeit, in Anwesenheit eines Vormunds zu „daten“. Mann und Frau sollen das Wichtigste voneinander kennen, bevor sie heiraten. Sahih Al-Bukhari 4802, Sahih Muslim 1466

Keine Ehe darf ohne die Zustimmung beider Parteien geschlossen werden. Sure 4:19

Die Ehe ist ein Vertrag. Für den Fall einer Scheidung erhält die Frau eine Mitgift, von der sie danach zehren kann. Scheidungen sind nicht gerne gesehen. Sure 4:4, 4:24

Der Satz zu Polygamie im Koran steht im Kontext zur Unterstützung von Waisen. Will heißen: Wenn die Frau nach dem Kriegstod ihres Mannes mit den Kindern auf der Straße steht, heirate sie und gib ihr ein Zuhause. Empfohlen ist die Ehe mit einer und nur einer Frau. Sure 4:3

Frauen können im Ehevertrag festlegen lassen, dass sie sich im Fall einer zweiten Ehe scheiden lassen werden. Sahih Al-Bukhari 2721

Frauen dürfen arbeiten, wenn es nicht in Konflikt mit ihren häuslichen Pflichten gerät. Was sie verdienen, gehört nur ihnen, denn der Mann muss für ihre Kleidung, das Haus und die Kinder zahlen. Sure 65:7, Sahih Al-Bkhari 56 und 5036, Muslim 1002 und 1628, Sunan Abu Dawd 1692

Mohammed soll seinen Frauen bei der Hausarbeit geholfen haben. Häusliche Tyrannen widersprechen dem islamischen Ideal einer kooperativen Ehe. Sahih Al-Bukhari 62

Von Mohammeds Frauen war nur eine Jungfrau. Seine erste Ehefrau war eine Händlerin, die ihn angestellt hatte und ihm den Antrag machte.

Frauen sind dazu angehalten, sich intensiv mit den religiösen Schriften auseinanderzusetzen und im Glauben zu wachsen. Vorbild dafür ist zum Beispiel Mohammeds Frau Aischa.

Sex ist für Männer und Frauen gleichermaßen nur in der Ehe gestattet. Wer das nicht durchhält, darf masturbieren. Sure 17:32, Sahih Muslim 4191, 4194, Ausrichtungen Maliki und Shafi’i

Vergewaltigung ist strafbar. Für den Nachweis braucht es allerdings 4 männlich Zeugen (genauso wie bei Ehebruch). Jami` at-Tirmidhi 37, Sunan Abu Dawood 4366, Al-Muwatta 36 16.14,

Sex wird als Gottesgeschenk angesehen. Der Mann soll die Frau nicht unbefriedigt zurücklassen. Sure 2:228, Sunan Ibn Majah 2811 und einige schwache Hadith

Analsex und Verkehr während der Periode sind nicht gestattet. Davon abgesehen dürfen Paare alles tun, was Spaß macht und keinen von beiden erniedrigt. Sure 2:222-223, Sahih Al-Bukhari 154, Sahih Muslim 156

Verhütung ist zulässig, wenn dadurch der Abstand zwischen den Kindern verlängert wird. Konkret wird beschrieben, dass Coitus interruptus praktiziert wurde. Sahih Al-Bukhari 250

Anm.: Die Sichtweise von Schias, Ahmadiyyas und anderen Ausrichtungen kann variieren.

Das islamische Frauenbild?

Wohin führen uns diese Erkenntnisse? Ich persönlich habe die Lehren des Islam immer so verstanden, dass Frauen den höchsten Respekt verdienen. Mit der Ansicht, dass Frauen beschützt werden müssen und nicht den absolut gleichen Stand haben wie Männer, war ich nie concord. Aber im Laufe der Auseinandersetzung mit der Religion habe ich gemerkt, dass viele der Sterotype, die wir haben, nicht stimmen können. Ich habe muslimische Business Frauen, Feministinnen und Denkerinnen erlebt. Ich habe muslimische Männer kennenlernen dürfen, die sich lieber einen Fuß abgeschnitten hätten, als unhöflich zu einer Frau zu sein.

Das Bild, das wir haben, ist stark vom sogenannten kulturellen Islam geprägt. Das sind Traditionen und Praktiken, die aus lokaler Prägung übernommen wurden. Sei es FGM, das Konzept der Ehrverletzung oder dass unbedeckte Frauen praktisch zur Vergewaltigung einladen – diese Muster sind nicht islamisch. Männer, die gewalttätig werden und/oder sexuelle Gewalt anwenden, gibt es in jeder Kultur, jeder Hautfärbung und jeder sozialen Schicht. 1 von 4 Frauen in Europa (!) erfährt im Laufe ihres Lebens Gewalt seitens eines Mannes. Und das sage ich als eine Frau, die Zeugin von so etwas war und Frauen kennt, die Missbrauch erfahren haben. Die Vorfälle in Köln sind zutiefst zu verurteilen. Das Vorgehen war abscheulich und zeugt von einer hohen kriminellen Energie. Ob Muslim, Atheist oder Christ – wer so etwas tut, muss vor Gericht gestellt werden.

Liebe Community Manager da draußen: Erweitert euer Allgemeinwissen, bleibt cool und macht im Zweifelsfall den „Die Welt Praktikant(en)“. Ihr seid unser Bollwerk gegen angstgeschürte Stereotypen, Verurteilungen und Hate Speech.

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